Mit dem kürzlichen Durchbruch in der Automatisierung von Therapieleistungen durch künstliche Intelligenz (KI) erlebt die Physiotherapie eine fundamentale Veränderung. Ein KI-basiertes System wurde in Großbritannien erstmals dazu zugelassen, sämtliche Entscheidungen im Behandlungsprozess von Patient:innen autonom zu treffen – ohne direkte Mitwirkung eines menschlichen Therapeuten. Diese Entwicklung weckt nicht nur Neugier, sondern auch weitreichende Fragen innerhalb der physiotherapeutischen Fachwelt.
Was bedeutet es, wenn künstliche Intelligenz künftig komplette Therapiepläne diagnostiziert, evaluiert und anpasst? Welche Potenziale bergen diese Systeme für den deutschen Gesundheitsmarkt, und welche Herausforderungen gilt es zu beachten?
Dieser Beitrag analysiert die zentralen Fakten aus der jüngsten Meldung von Digital Health und beleuchtet zugleich die Auswirkungen für die deutsche Praxislandschaft. Auch ergänzende Perspektiven aus Forschung und Versorgungspraxis werden aufgenommen, um ein fundiertes Gesamtbild zu schaffen.
Wie Digital Health berichtet, erhielt das KI-gestützte System „Flok Health“ im Vereinigten Königreich die regulatorische Genehmigung, ohne ärztliche oder therapeutische Überprüfung komplette Behandlungsverläufe umzusetzen. Entwickelt wurde die Plattform von einem interdisziplinären Team rund um Finn Stevenson, CEO von Flok Health.
Die Genehmigung bezieht sich insbesondere auf „Low-Risk“-Patient:innen, also jene mit klassisch verlaufenden Beschwerden und ohne komorbide Begleiterkrankungen. Das KI-System wurde ausführlich evaluiert und im Pilotbetrieb mit diversen klinischen Kooperationspartnern getestet.
Auch außerhalb dieser spezifischen Entwicklung mehren sich seit einigen Jahren die Hinweise darauf, dass KI-basierte Entscheidungssysteme in der physikalischen Medizin relevante Vorteile bieten können. In einer Übersichtsarbeit aus dem „Journal of Physiotherapy“ (2024) wurde etwa festgestellt, dass KI-gestützte Bewegungsanalysen signifikant präzisere Diagnosen bei Gangstörungen liefern können als herkömmliche manuelle Verfahren. Ebenso zeigte sich, dass automatisierte Therapie-Feedback-Systeme die Adhärenz von Patient:innen steigern.
Wesentliche Punkte dieser erweiterten Forschungslage:
Dennoch wird von Forschenden betont, dass KI-Systeme aktuell nur in standardisierten Fällen verlässlich arbeiten. Komplexe Schmerzprofile, psychosomatische Begleiterscheinungen oder unklare Diagnosen bedürfen weiterhin menschlicher Intuition und Erfahrung.
In Deutschland ist die Digitalisierung im Gesundheitswesen zwar zunehmend politisch gewollt, jedoch in der Praxis noch zögerlich fortgeschritten. Der Einsatz von KI in der Physiotherapie steht dort aktuell noch am Anfang. Die Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA)-Verordnung bildet jedoch einen gesetzlichen Rahmen, in dem weder ärztliche Verschreibung noch direkte Präsenz notwendig sein muss, um Therapien zu verordnen – solange Patientensicherheit und Wirksamkeit belegt sind.
Potenzielle Vorteile für deutsche Physiotherapiepraxen:
Doch auch hier müssen regulatorische Fragen geklärt werden: Wie wird die Verantwortung bei Fehlbehandlungen geregelt? Können solche Systeme tatsächlich im Sinne des Patientenrechtegesetzes agieren? Wie sind Datenschutz, Ethik und Transparenz gesichert?
Ein zentraler Aspekt ist auch die professionelle Haltung der Therapeut:innen selbst: Wird KI als Unterstützung gesehen – oder als potenzielle Bedrohung des Berufsbildes?
Für Physiotherapeut:innen, Praxisleiter:innen und Einrichtungen ergeben sich aus dieser Entwicklung eine Reihe von Überlegungen und möglichen Handlungsschritten:
Auch kann die Teilnahme an Forschungsprojekten die Möglichkeit eröffnen, eigene Praxiserfahrungen aktiv in die Gestaltung künftiger Systeme einfließen zu lassen.
Autonome KI-Systeme wie jenes von Flok Health stehen sinnbildlich für eine neue Ära: Therapien werden datengetrieben, evaluierbar und potenziell effizienter. Doch dieses Potenzial entfaltet sich nur dann sinnvoll, wenn Technik und Mensch zusammenarbeiten – nicht gegeneinander. Für Therapeut:innen in Deutschland bietet sich jetzt die Chance, sich aktiv in diesen Innovationsprozess einzubringen, um so an einer zukunftsfesten, digitalen Versorgung mitzuwirken.
Quellenhinweis: Die Informationen zur Genehmigung der autonomen KI-Physiotherapie basieren auf dem Bericht von Digital Health vom Oktober 2025: https://www.digitalhealth.net/2025/10/ai-powered-physiotherapist-approved-to-make-autonomous-decisions/
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