Knöchelbrüche gehören zu den häufigsten Frakturarten in der klinischen Praxis – sowohl bei jüngeren, sportlich aktiven Patient:innen als auch bei älteren Menschen mit erhöhtem Sturzrisiko. Besonders häufig betroffen sind Verletzungen des Außenknöchels, klassifiziert nach Weber Typ B und C. Der klassische Behandlungsweg beinhaltet eine operative Stabilisierung, gefolgt von einer mehrwöchigen Physiotherapie unter Teilbelastung. Doch kann eine zusätzliche, aktive Bewegungsschiene zur häuslichen Anwendung die Rehabilitation verbessern?
Die prospektive, randomisierte CAM-P-OS Studie geht dieser Frage erstmals in einem wissenschaftlich fundierten Setting in mehreren deutschen Kliniken nach. Der Fokus liegt auf dem Nutzen eines motorisierten Bewegungssystems zur kontrollierten Aktvierung des Sprunggelenks – als Ergänzung zum etablierten Rehabilitationsprotokoll.
Physiotherapeut:innen, die sich mit postoperativer Mobilisation, Heilungsverläufen und der Umsetzung evidenzbasierter Nachbehandlungsstrategien beschäftigen, finden in dieser Studie neuartige Impulse, die den Therapieerfolg potenziell verbessern könnten.
Quellenangabe: CAM-P-OS Study Protocol – Trials Journal (2024)
Die CAM-P-OS (Controlled Active Motion Post-Operative Study) ist ein kontrolliertes, multizentrisches Forschungsvorhaben, das den Rehabilitationsverlauf nach operativ versorgten Sprunggelenksfrakturen untersucht. Die zentrale Fragestellung: Verbessert ein aktiv kontrolliertes Heimtraining mittels Bewegungsschiene die funktionellen und sozialen Outcomes nach Fibulafrakturen vom Typ Weber B oder C?
Durch den kontrollierten Versuchsaufbau mit Randomisierung, Multicenter-Beteiligung und standardisierten Datenerhebungen wird eine hohe Aussagekraft für den späteren Transfer in die Versorgungspraxis erwartet.
Physiotherapie-Empfehlungen nach Sprunggelenksoperationen variieren in der Ausführung, insbesondere was den Beginn der aktiven Mobilisation, sowie die Gewichtsbelastung betrifft. Eine Metaanalyse von Lin et al. (2021) aus dem „Journal of Physiotherapy“ betont, dass eine frühfunktionelle Nachbehandlung (innerhalb der ersten 2 Wochen postoperativ) mit kontrollierter Bewegung zu einer schnelleren Wiederherstellung der Funktion führen kann – vorausgesetzt, eine angemessene Frakturstabilität liegt vor.
Motorisierte Bewegungsschienen, wie sie in der CAM-P-OS Studie verwendet werden, kombinieren kontrollierte Mobilisation mit Datenmessung. Diese Geräte bieten eine präzise Steuerung von Bewegungswinkeln und Belastungsintensität – wichtige Parameter für eine gelenkgerechte Mobilisation.
Ergebnisse anderer Studien, etwa aus dem Bereich der Knie- und Schulterendoprothetik, zeigen eine positive Korrelation zwischen kontinuierlicher passiver Bewegung (CPM) und funktionellen Ergebnissen. Obwohl diese Effekte nicht unstrittig sind, scheint vor allem die Kombination aus passiver, assistiver und später aktiver Bewegung für die Heilung förderlich zu sein.
In der deutschen Nachbehandlungsrealität gibt es klare Empfehlungen von Fachgesellschaften, etwa der DGOU, die rehabilitative Maßnahmen strukturiert vorschreiben. Dennoch ist die Versorgung in der Fläche heterogen. Das Heilmittelkatalog-System begrenzt beispielsweise die Anzahl an Heilmittelverordnungen – eine häufige Einschränkung im ambulanten Verlauf.
Hier setzt das Konzept der CAM-P-OS Studie an: Eine digitale Heimlösung, die es Patient:innen erlaubt, auch außerhalb von Reha-Zentren oder Therapieeinrichtungen aktiv an ihrer Genesung mitzuwirken. Für Physiotherapeut:innen bedeutet dies nicht die Ersetzung, sondern eine Erweiterung der Therapiezeit und Therapietiefe.
Insbesondere im ländlichen Raum, in dem Therapieinfrastruktur begrenzt ist, könnten innovative Heimgeräte helfen, Versorgungslücken zu schließen. Auch ökonomisch lässt sich potenziell ein Nutzen nachweisen – etwa durch eine frühere berufliche Wiedereingliederung und reduzierte Folgekosten infolge stagnierender Rehaverläufe.
Nach Abschluss der CAM-P-OS Studie steht eine Bewertung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) an. Ziel ist es, festzustellen, ob und unter welchen Bedingungen das Gerät in die Regelversorgung aufgenommen werden kann. Das könnte mittelfristig zu einer Verankerung in Heilmittelrichtlinien oder Rehaindikationen führen.
Die Ergebnisse der CAM-P-OS Studie sind noch ausstehend – erste Daten werden ab Ende 2025 erwartet. Dennoch können schon jetzt einige praxisrelevante Überlegungen getroffen werden:
Insbesondere bei komplexeren Heilverläufen kann ein individualisiert gesteuertes Heimtraining unter physiotherapeutischer Supervision neue Qualitätsstandards setzen.
Die CAM-P-OS Studie hat das Potenzial, einen nachhaltigen Wandel in der Nachbehandlung von Sprunggelenksfrakturen zu initiieren. Für die Physiotherapie entsteht damit ein spannender Handlungsraum, der moderne Technologie mit bewährter Behandlungslogik verbindet.
Unklarheiten über die konkrete Anwendbarkeit oder Patienteneignung sind natürlich Teil des offenen Forschungsprozesses. Dennoch zeigt sich bereits jetzt: Digitale Assistenzsysteme können in der Rehabilitation eine sinnvolle Rolle übernehmen – vorausgesetzt ihr Einsatz ist zielgerichtet und evidenzgesichert.
Weitere Informationen zur Studie finden Sie unter: https://trialsjournal.biomedcentral.com/articles/10.1186/s13063-025-09169-y
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